Deutsch-Polnische Erinnerungsorte, Band 5: Erinnerung auf Polnisch

Redaktion: 
Robert Traba, Peter Oliver Loew
Erscheinungsort: 
Verlag: 
Erscheinungsjahr: 
2015
ISBN: 
978-3-506-77419-4

Schon einige Jahre bevor Maurice Halbwachs in den 1920er Jahren sein epochales Werk über das Gedächtnis und seine sozialen Bedingungen veröffentlichte, legte ein anderer Durkheim-Schüler, der Pole Stefan Czarnowski, seine ersten Texte zur Erinnerungskultur vor. Seine Überlegungen zur Präsenz von Geschichte in der Gegenwart stehen am Anfang einer polnischen Beschäftigung mit dem kollektiven Gedächtnis, die auch angesichts der Erfahrungen Polens im 20. Jahrhundert ganz eigene Bahnen einschlug und im Westen kaum rezipiert worden ist. Die Anthologie vereint klassische Texte zu Geschichtsbewusstsein und Geschichtskultur, aber auch aktuelle Untersuchungen zu Geschichtspolitik und Erinnerungsorten.

 

Wir ändern unaufhörlich unsere Beziehung zur Vergangenheit, indem wir unablässig an ihrer Transformation arbeiten, daran, dass sie zur Gegenwart werde. Die Vergangenheit überdauert nämlich nur als Gegenwart, die Gegenwart indessen ist transformierte, aktualisierte Vergangenheit wie auch im Werden begriffene Zukunft.
Stefan Czarnowski (1938)
 
Die Thematisierung von Gedächtnis und Erinnerung ist ohne Zweifel zu einem dominanten Paradigma des kulturwissenschaftlichen Argumentierens geworden. Dies erwies sich nicht nur für die Geisteswissenschaften als innovativ, es eröffnete ebenso für disziplinübergreifende Fragestellungen neue Perspektiven und Forschungsfelder. Die Geschichtswissenschaft hat zunächst solche Erinnerungsorte zu rekonstruieren versucht, die für die Schaffung von einer jeweils eindeutigen nationalen Identität von Relevanz waren. Seit Kurzem rückt jedoch zunehmend der transnationale Aspekt in den Vordergrund, dem sich beispielsweise das Forschungsprogramm der deutsch-polnischen Erinnerungsorte verschrieben hat. Im Prinzip ist Erinnerung freilich nie eindeutig. Nicht nur die von Differenzen bestimmte zentral-europäische Region ist von einem mehrfach codierten Gedächtnis geprägt, dem in der gesellschaftlichen Realität auch individuelle und kollektive Mehrfachidentitäten entsprechen. Daher gilt es, Erinnerungsorte nicht nur historisch zu rekonstruieren, sondern gleichermaßen auch zu dekonstruieren.
Moritz Csáky
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